Haben Sie schon einmal die Erfahrung gemacht, dass Sie bei einer Besichtigungstour durch Kyoto die Adresse eines japanischen Restaurants oder Cafés gesucht haben, das Sie besuchen wollten, und dann über die Länge der Adresse erstaunt waren?
In anderen Städten wird die Adresse in der Regel einfach als „Stadtbezirk/Gemeinde + Straßenname + Hausnummer“ angegeben. In Kyoto, insbesondere in den zentralen Stadtteilen wie Kamigyo, Nakagyo, Shimogyo und Sakyo, tauchen in den Adressen jedoch Begriffe wie „Agari“ (aufwärts), „Sagari“ (abwärts), „Higashi-iru“ (nach Osten) und „Nishi-iru“ (nach Westen) auf, die in anderen Regionen eher ungewohnt sind.
Dies ist eine für Kyoto typische Schreibweise, die als „Straßennamenadresse“ bezeichnet wird und eigentlich ein sehr logisches System darstellt.
In diesem Artikel werden die Aussprache, die historische Entstehung und die praktische Verwendung von Adressen in Kyoto ausführlich erläutert. Wenn Sie den Artikel zu Ende gelesen haben, sollten Sie sich beim Anblick einer Adresse in Kyoto nicht mehr verirren.
Inhaltsübersicht
- Was bedeutet „aufsteigen/absteigen“ und „nach Osten gehen/nach Westen gehen“?
- Warum sind die Adressen in Kyoto so lang? Die Geschichte des „Jōbō-Systems“
- Praxis: Versuchen wir, anhand der Adresse den Ort zu ermitteln
- Kinderlieder aus Kyoto, mit denen man sich die Straßennamen merken kann
- Anwendungsmöglichkeiten und Hinweise für den Tourismus
- Zusammenfassung
1. Was bedeutet „hinaufgehen/hinabsteigen“ und „nach Osten gehen/nach Westen gehen“?

Schauen wir uns zunächst einmal die Aussprache an. „上る“ wird „agaru“ gelesen, „下る“ hingegen „sagaru“. Viele lesen es fälschlicherweise als „noboru“ und „kudaru“, doch die korrekte Aussprache lautet „agaru“ und „sagaru“. Wenn Sie in Kyoto ein Taxi nehmen und Ihr Ziel etwa so beschreiben: „An der Stelle, wo die Straße nach oben führt“, kann dies dem Fahrer, der sich gut auskennt, die Orientierung erleichtern.
Die Bedeutung ist ganz einfach.
- hinaufsteigen (agaru): Nach Norden gehen
- absteigen: Nach Süden fahren
- Higashi-iru: Nach Osten gehen
- Nishi-iru: Nach Westen gehen

Das Straßennetz im Zentrum von Kyoto ist im „Go-Brett-Muster“ angelegt, bei dem sich Nord-Süd- und Ost-West-Straßen im rechten Winkel kreuzen. „Aufwärts, abwärts, nach Osten, nach Westen“ sind Ausdrücke, mit denen innerhalb dieses Schachbrettmusters in einem Wort angegeben wird, in welcher Richtung vom Kreuzungspunkt aus das Ziel liegt.
Übrigens wird diese Schreibweise zwar manchmal in Katakana wie „上ル“ geschrieben, die offizielle Schreibweise sieht jedoch vor, dass die Okurigana in Hiragana geschrieben werden, wie in „上る“. Auch „西入る“ und „東入る“ werden manchmal unter Weglassung des „ル“ als „西入“ bzw. „東入“ geschrieben.
2. Warum sind die Adressen in Kyoto so lang? Die Geschichte des „Jōbō-Systems“

Hinter dieser einzigartigen Art der Adressangabe in Kyoto verbirgt sich eine lange Geschichte, die bis in die Zeit von Heian-kyō zurückreicht.
Heian-kyō, das im 13. Jahr der Ära Enryaku (794) gegründet wurde, wurde in Anlehnung an die Stadtplanung von Chang’an, der Hauptstadt der Tang-Dynastie (China), nach dem sogenannten „Jōbō-System“ angelegt, bei dem sich die Straßen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung rechtwinklig kreuzen. Die Hauptstadt war wie ein Go-Brett ordentlich in Quadrate unterteilt, und jede Straße erhielt einen Namen.
In der Folgezeit veränderte sich das Straßennetz zwar durch die Verwüstungen im Onin-Krieg (ab 1467) und die Stadtumgestaltung durch Toyotomi Hideyoshi (Tenshō-Landverteilung), doch die Grundstruktur, bei der sich die in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung verlaufenden Straßen rechtwinklig kreuzen, hat sich bis heute erhalten. Dass Adressen im Stadtzentrum von Kyoto nicht nur aus „Stadtteilname + Hausnummer“, sondern auch unter Verwendung von Straßennamen bestehen, ist ein Überbleibsel dieser seit der Antike bestehenden Stadtplanung.
Diese Art der Beschriftung, die angibt, an welcher Stelle entlang der Straße sich ein Gebäude befindet, ist ein für Kyoto typisches, praktisches System, das intuitiv vermittelt, in welchem Bereich des schachbrettartigen Straßenrasters sich ein Ort befindet – was anhand der Adresse allein nur schwer zu erkennen ist.
3. Praktischer Teil: Versuchen wir, anhand der Adresse den Ort zu bestimmen

Schauen wir uns anhand einer konkreten Adresse einmal an, wie man sie ausspricht. Die Adresse der Präfekturverwaltung von Kyoto lautet wie folgt:
Kamigyo-ku, Kyoto-shi, KyotoShimotateuri-dori, Shinmachi, westlich davonYabunouchi-cho
Bitte beachten Sie dabei insbesondere den Abschnitt „Shimodachiuri-dori Shinmachi Nishi-iru“. Dies ist,
- Von der Kreuzung, an der sich die „Shimotateuri-dori“ (Ost-West-Straße) und die „Shinmachi“ (Nord-Süd-Straße) kreuzen
- Gleich nachdem man nach Westen abgebogen ist
Das bedeutet also: Wenn man auf der Karte die Kreuzung zwischen der Shimotachibana-dori und der Shinmachi-dori findet und von dort aus nach Westen geht, gelangt man zur Präfekturverwaltung von Kyoto.
Auf diese Weise sind die Adressen in Kyoto so aufgebaut, dass durch die Kombination aus „Ost-West-Straße + Nord-Süd-Straße + Himmelsrichtung (aufwärts, abwärts, nach Osten abbiegen, nach Westen abbiegen)“ bereits seit der Zeit vor GPS jeder den Ort genau bestimmen kann, sofern er den Straßennamen kennt. Da Einheimische bei Wegbeschreibungen manchmal sagen: „Ein Stück weiter unten an dieser Straße“, ist es hilfreich, sich dies zu merken, da es bei Gesprächen vor Ort nützlich sein kann.
4. Kinderlieder aus Kyoto, mit denen man sich die Straßennamen merken kann
In Kyoto gibt es seit jeher „Warabe-Uta“ (Zählreime), mit denen man sich die Namen der Hauptstraßen einprägen kann. Diese Lieder sind so tief in der regionalen Kultur verwurzelt, dass sie in den Grund- und Mittelschulen von Kyoto im Musikunterricht oder bei traditionellen Begleitmusikdarbietungen gelehrt werden. Auch im 2003 erschienenen Anime-Kinofilm „Detektiv Conan: Kreuzung im Labyrinth (Crossroad)“ tauchte dieses Lied auf und sorgte für Aufsehen.
Das Lied der Ost-West-Straße „Marutake Ebisu“
Die Liedtexte enthalten die Anfangsbuchstaben der Straßennamen von Norden (Marutamachi-dori) in Richtung Süden (Oike-dori).
Marutake-Ebisu, Oshio-ike, Ane-san-Rokkaku, Tako-Nishiki, Shia-Yabutta-Ka, Matsuman-Gojo, Settcha-Chara-Chara, Uono-Tana, Rokujo-Sante-Tetsu, vorbeigehen, wenn man Hichyo überquert, dann Hachijo, Juujo-Toji und dort ankommen das Ziel
Marutamachi-dori, Takeyamachi-dori, Ebisugawa-dori, Nijo-dori, Oshikoji-dori, Oike-dori, Anekoji-dori, Sanjo-dori, Rokkaku-dori, Takoyakushi-dori, Nishikikoji-dori, Shijo-dori, Ayakoji-dori, Bukkoji-dori, Takatsuji-dori, Matsubara-dori, Manju-ji-dori, Gojo-dori … – so reihen sich die Namen der Ost-West-Straßen in Richtung Süden aneinander.
Das Lied der Nord-Süd-Straße „Teragoko“
Es gibt auch ein Lied, mit dem man sich die Namen der in Ost-West-Richtung verlaufenden Nord-Süd-Straßen merken kann.
Teragokofuya, Tomi, Yanagisakai, Takaai-Higashi, Kurumaya-cho, Karasuryogae, Murokoro, Shinmachi-Kamanza, Nishiogawa, Aburasame-gaide, Horikawa-no-Mizu, Yoshiai-no-Kuro, Omiya-he, Matsuhigurashi-ni, Chi Eko-in, Jōfuku-Senbon, und schließlich Nishijin
Teramachi-dori, Gokōchō-dori, Fuyachō-dori, Tomikoji-dori, Yanagibaba-dori, Sakai-chō-dori, Takakura-dori, Manōchō-dori … – so reihen sich die Straßennamen von Osten nach Westen aneinander.
Bei diesen Liedern handelt es sich um traditionelle „Temari-Lieder“ und „Warabe-Lieder“, die angeblich aus der Edo-Zeit stammen; auch heute noch kann man sich die Aufnahmen und Melodien im Internet anhören. Vor dem Rathaus von Kyoto (vor dem Honnoji-Kaikan) ist zudem eine Informationsanlage aufgestellt, die beim Drehen des Handgriffs die Lieder abspielt. Halten Sie bei einem Spaziergang durch Kyoto also unbedingt Ausschau danach.
5. Anwendungsmöglichkeiten und Hinweise für den Tourismus
- Grundsätzlich sollte man sie zusammen mit einer Karten-App nutzen
Adressen mit Straßennamen sind zwar sehr praktisch, doch für Erstbesucher ist es oft schwierig, ihr Ziel allein anhand des Straßennamens zu finden. Es empfiehlt sich daher, die genaue Lage mithilfe einer Karten-App wie Google Maps zu überprüfen und diese Informationen mit der Lage des Geschäfts abzugleichen, etwa mit dem Gedanken: „Dieses Geschäft befindet sich also in der Nähe der Kreuzung von ◯◯-Straße und △△-Straße.“ - Nützliche Tipps für die Nutzung von Taxis
Anstatt die Adresse anzugeben, ist es für einen ortskundigen Fahrer manchmal verständlicher, wenn man sagt: „Auf der ◯◯-Straße bis zur △△ hinauffahren (hinunterfahren).“ - Es gibt auch Abkürzungen, die nur aus dem Straßennamen bestehen
In Gesprächen unter Einheimischen in Kyoto wird ein Ort oft nur mit dem Namen der Kreuzung angegeben, wie zum Beispiel „Shijō-Karasuma“. Das bedeutet „die Kreuzung der Shijō-Straße und der Karasuma-Straße“. - Der gleiche Straßenname kommt auch an anderen Orten vor
Da es in Kyoto sehr viele Straßen gibt und es auch Straßen mit ähnlichen Namen oder kurze Straßen gibt, ist es ratsam, sich bei einem ersten Besuch vorab anhand einer Karte über die Lage zu informieren.
6. Zusammenfassung
Die in den Adressen von Kyoto vorkommenden Begriffe „上る・下る“ und „東入ル・西入ル“ sind eine für Kyoto typische, logische Schreibweise, die vor dem Hintergrund der seit der Heian-Kyō-Zeit bestehenden, schachbrettartigen Stadtstruktur entstanden ist. Sobald man die Lesart und die zugrunde liegende Logik verstanden hat, ist dies keineswegs schwierig.
Wenn Sie sich das Kinderlied „Marutake Ebisu ni Oshioike“ merken, werden Ihnen die Straßen von Kyoto gleich viel vertrauter vorkommen. Wenn Sie das nächste Mal Kyoto besuchen, denken Sie bitte an diesen Artikel, achten Sie auf die Adressen und Straßennamen und genießen Sie Ihren Spaziergang durch die Stadt. Das ist sicher auch eine interessante Kyoto-Anekdote, die Sie Ihren Mitreisenden erzählen können.
